07.10.2000

Wittlaer und die Treidelschiffahrt

 

Mit Muskelkraft und Pferdestärken rheinaufwärts

 

Gelbe Schilder mit der Aufschrift „Vorsicht Einsturzgefahr - Abstützung nicht berühren!" sollen den Spaziergänger zur Vorsicht mahnen, wenn er auf dem Wege zwischen Kaiserswerth und Wittlaer an jenem Haus vorübergeht, dessen Eigentümer es gerne abreißen wollte. Haus Werth heißt der ehemalige Hof, der seit 1927 den Stadtwerken Duisburg gehört. Bis 1956 war das Haus noch bewohnt, dann aber liegen die wasserrechtlichen Bestimmungen keine private Nutzung mehr zu. Die Gefahr, das Brunnengelände könnte durch Fäkalien verunreinigt werden, schien den Verantwortlichen zu groß zu sein. In den letzten Jahren ist der Verfall des Hauses rapide fortgeschritten.

Warum ist eigentlich dieses Gebäude erhaltenswert? Sollte man es nicht lieber abreißen? Schlägt nicht die Nostalgiewelle zu hohe Wogen? Haus Werth, seltener auch Werther Hof oder Wardshof genannt, nimmt eine Sonderstellung ein: Lange Zeit war es aufs engste mit der Rheinschiffahrt verbunden. Als eine der letzten Treidelstationen am Niederrhein geht es nun einer ungewissen Zukunft entgegen.

Vor der Erfindung der Dampfmaschine waren die Rheinschiffer auf die Kraft des Windes, der Pferde und ihre eigene Muskelkraft angewiesen, wenn sie sich gegenüber dem Strom durchsetzen wollten. Die Ursprünge der Treidelschiffahrt auf dem Rhein liegen bei den Römern. Als sie vor 2000 Jahren die rheinischen Gebiete besetzten, brachten sie auch ihre Erfahrungen im Bereich der Schiffahrt mit. Die Größe ihrer Schiffe hat sicher bei den Germanen Erstaunen hervorgerufen. Die Größe brachte aber auch besondere Probleme mit sich. Solange sie rheinabwärts fuhren, konnten sie sich mit der Strömung treiben lassen und bei günstigem Wind zusätzlich die Segel setzen. Rheinaufwärts jedoch konnte die Kraft des hier überwiegend vorherrschenden West‑ und Südwestwindes nur wenig genutzt werden. Das Rudern gegen die Strömung war bei den großen Frachtschiffen kaum möglich. Nur eine Methode führte zum Erfolg: Das Schiff wurde von Land aus an einem Seil stromaufwärts gezogen. Das nannten die Römer „tragulare", und unsere Vorfahren formten daraus das Wort "Treideln". Damit das Zugseil weder den Uferboden noch das Wasser berührte, wurde es hoch am Mast des Schiffes befestigt. So konnten auch kleinere Hindernisse wie Sträucher und Bodenwellen ohne Schwierigkeiten überwunden werden. Eine große Anzahl Sklaven zog mühsam die Schiffe gegen den Strom. Die Ufer waren nicht befestigt und stellten besonders harte Anforderungen an die Männer. Es war auch nicht außergewöhnlich, daß kleine Wasserarme und Buchten durchquert werden mußten. Der Treidelmannschaft stand dann das Wasser buchstäblich bis zum Hals. Sicherlich hat diese harte Arbeit die Lebenserwartung der Männer deutlich herabgesetzt.

 

Druck der Konkurrenz

 

Ein wesentlicher Fortschritt für die Treidelschiffahrt war der Einsatz von Pferden. Ein Pferd konnte vier Menschen ersetzen. Nun war aber die Anlage von Uferpfaden, den sogenannten Leinpfaden, notwendig. Die schweren Kaltblutpferde wären sonst im Morast versunken. Die Aufgabe der Treidelknechte bestand nun darin, die Pferde zu führen und anzutreiben, weshalb sie den Namen Päädsdriewer erhielten. Sie waren auch für die Sicherheit der Pferde verantwortlich. Es kam nämlich vor, daß ein Schiff bei schwierigen Strömungsverhältnissen oder durch Unachtsamkeit des Steuermannes vom Ufer zur Strommitte getrieben werden konnte. Die Kraft der Pferde reichte dann nicht immer aus, um das Schiff zurückzuholen. Die Päädsdriewer mußten die kritische Situation erkennen und das Seil kappen. Verpaßten sie den richtigen Augenblick, wurden die Pferde ins Wasser gezogen und drohten zu ertrinken.

Die Halfterer, wie die Päädsdriewer auch genannt wurden, und ihre Pferde mußten auf ihrem langen und mühsamen Weg versorgt werden. Diese Aufgabe übernahmen meist dicht am Rhein gelegene Höfe. Sie nannte man Treidelstationen. Haus Werth ist uns aus dieser Zeit erhalten geblieben. In Bockum gab es ebenfalls eine Treidelstation: das Wimmersgut oder auch Haus Hahn genannt. Das Gut existiert heute nicht mehr. Am Giebel des Hauses war ein Anker befestigt. Eine Tür zur Rheinseite diente den Halfterern als Eingang. Er wurde gegen Ende des vorigen Jahrhunderts zugemauert. Der mündlichen Überlieferung zufolge gab es in Wittlaer noch eine weitere Treidelstation. Als das Werth tatsächlich noch eine Insel und das sogenannte Binnenwasser ein breiter Rheinarm war, wurde auch hier getreidelt. Am heutigen Max-Clarenbach-Weg in der Nähe der B 8 stand ein kleiner Hof, Kalwey genannt. Er soll den Treidelschiffern als Proviantstation gedient haben. In der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts wurde der Rheinarm bei Kaiserswerth gesperrt. Damit hatte auch die Kalwey als Treidelstation ausgedient.

Die Treidelschiffer hatten meist ihre eigenen Pferde, die das Schiff die gesamte Strecke zogen. Die Fahrt ging recht langsam voran. Als im vorigen Jahrhundert die ersten, wesentlich schnelleren Dampfschiffe auf dem Rhein erschienen, mußten sich die Treidelschiffer unter dem Druck der Konkurrenz etwas Neues einfallen lassen. Die vorerst rettende Idee kam von den Holländern. Die Treidelstationen erhielten nun die Aufgabe, stets ausgeruhte Pferde bereitzustellen, die gegen die ermüdeten ausgewechselt werden konnten. Durch diese sog. Pferderelaisstationen gelang die Fahrt fast doppelt so schnell wie vorher. Der Weg der Pferdetreiber war genau festgelegt. In Uerdingen wechselten sie von der linken zur rechten Rheinseite über. Von Mündelheim kommend zogen sie an Rheinheim, Bockum, Wittlaer und Kaiserswerth vorbei. An der Schnellenburg wurden Pferde und Mannschaft wieder übergesetzt. Die Päädsdriewer gerieten immer wieder in Konflikt mit der jeweiligen Landesregierung. Im Jahr 1803 gab der Kurfürst Maximilian bekannt: „Der Churfürstlichen Landes-Direktion ist die Anzeige geschehen, daß theils durch die Fahrlässigkeit, theils durch mutwilliges Verschulden der Führer der Schiffspferde, indem sie bey der Hinauffahrt die Schiffsseile über die jungen Pflanzungen längst dem Strom herstreifen lassen, oder sich auch ein Vergnügen daraus machen, durch muthwilliges Schwingen derselben die neugepflanzten Weidenstöcke auszuheben, und in die Höhe zu schleudern, an den Deckungswerken der Ufer oft großer Schaden verübt wird. Da es nun die Pflicht der Schiffsherrn ist, auf die Excesse ihrer Eigener sowohl, als der gemietheten Leute zu achten, so werden dieselben für jeden auf diese Weise geschehenen Schaden, mit Verpflichtung zu dem dreyfachen Ersatze, wovon ein Drittheil dem Angeber zuerkannt wird, verantwortlich gemachet, und von diesem Beschlusse hiermit durch den offenen Druck in Kenntnis gesetzet." 1837 und 1850 wurden diese Bekanntmachungen „erneuert". Bei der letzteren wird ausdrücklich das „Einsetzen von Schiffsankern in die Strom‑ und Uferbauwerke“ verboten.

Für die Beseitigung eines weiteren Mißstandes sollte die Verordnung der Königl. Regierung aus dem Jahre 1836 sorgen. Darin heißt es: „Die in jüngster Zeit häufig vorkommenden Unglücksfälle durch Versinken überladener Ruhrkohlenschiffe veranlaßten, daß von nun an jedes beladene Ruhrkohlenschiff außer dem Windbord zum wenigsten drei Zoll Gebörde haben muß."

 

Streit am Binnenwasser

 

An der heutigen Schwarzbachmündung stellte sich den Treidelschiffern ein Hindernis besonderer Art entgegen. Hier mußte der alte Rheinarm, das sogenannte Binnenwasser, überquert werden. Aus diesem Grund war an dieser Stelle ein Fährverkehr eingerichtet. Aus dem Jahre 1804 ist ein heftiger Streit um diese Fähre aktenkundig. Es liegt eine „Beschwerde der Rheinschiffer über die so nachlässig betrieben werdenden Überfahrten an dem dasigen Cameral Wittlaerer Werde" vor. Die Beschwerde gipfelte darin, „daß die Pferdetreiber ihre Pferde selber aus Mangel eines Fährmannes überfahren und dabei ein erhöhtes Fahrgeld zahlen mußten." Dieser Vorwurf einer Selbstbedienung zu erhöhten Preisen wird noch ergänzt durch die Beschuldigung, daß „das Binnenwasser zugedämmt und eine Art Brücke angelegt worden (ist), wodurch das Binnenwasser gesperrt, welches bei Eis und hohem Wasser den Schiffen und Kohlenachen zum Hafen diente." Ein Kohlenschiff hatte sich in diesen Hafen geflüchtet, konnte aber wegen dieser Art Brücke nicht wieder herausfahren, wodurch „Aufenthalt und Kosten verursacht" wurden.

Wenige Tage später wurde der Beschuldigte in Kaiserswerth vorgeladen und vernommen. Er hieß Waldbröhl und hatte erst vor einem halben Jahr eine der Pächterinnen von Haus Werth, die für den Fährbetrieb zuständig waren, geheiratet. Er versuchte sich zu rechtfertigen, indem er aussagte: „... niemals hätte ein Schiffer selbst brauchen überzufahren und niemand würde beweisen können, daß je ein Heller Fährgeld, auch bei hohem Wasser, über die gehörige gewöhnliche Gebühr genommen worden sei, die angegebene Zudämmung des Binnenwassers sei ebenfalls unwahr, jeder des Lokalen dort kundige Nachbar würde unparteiisch gestehen müssen, daß die angelegte Art von Brücke unumgänglich nötig sei, ansonsten die Schiffspferde bei kleinem Wasser durch den Mott zu dem in dem Wasserstrauch liegenden Nachen hätte kommen können. Der Schiffer des Kohlennachens sei bei hohem Wasser ins Binnenwasser gefahren und durch Unvorsichtigkeit abends auf die Auflandung gekommen. Als ihm morgens der Strand gezeigt (worden sei), sei er auch ohne Hindernis der Brücke herausgefahren, ohne die mindesten Kosten zu haben, wie der Schiffer ja selbst ausgesagt. Schließlich sagte der Waldbröhl, daß ihn solche Verleumdungen schmerzten, die der zit. von Otten (Bürgermeister von Kaiserswerth) nicht so gegen ihn, als gegen die Pächterinnen des Werths hegte, und seinen Haß in allen Fällen dagegen bücken ließe."

In zahlreichen Berichten wird nun versucht, die Wahrheit herauszufinden. In einem davon mit der Anrede „Durchlauchtigster Herzog, gnädigster Herr" erfahren wir auch etwas über das Fahrgeld und die Größe der Fähre. Der Kaiserswerther Bürgermeister von Otten schreibt im Januar 1805: „In meinen ersten Dienstjahren wurden dort vom Pferd nur zwei Stüber Fahrgeld gezahlt, und die Überfahrt geschah mit einem Nachen, welcher drei Pferde hielt. Der damalige Pächter entschloß sich, einen größeren Nachen zur geschwinderen Überfuhr der Schiffspferde anzuschaffen, wodurch das Fahrgeld um einen Stüber erhöht werden sollte. Dies bewilligte die Hofkammer. Aber nun seit einigen Jahren werden allgemein willkürlich vom Pferde 4 Stüber, mithin einer zuviel, genommen." Das erhöhte Fahrgeld wurde mit der allgemeinen Teuerung begründet, die es offensichtlich auch schon damals gegeben hatte. Herr Waldbröhl wies darauf hin, es „sei der eine Stüber mehr, dermalen die Leute und Geschirr zu unterhalten viel teurer geworden, nicht zuviel". Außerdem äußerte er, daß die ganze Beschwerde der Treidelschiffer „bloße Schikanen" seien. Der Streit verlief schließlich im Sande. Der letzte Bericht schloß mit der Bemerkung, es „mag gegenwärtige Sache auf sich beruhen". Noch einmal hören wir etwas von der Fähre im Jahre 1841. Sie sollte neu verpachtet werden, wahrscheinlich das letzte Mal. Die Verlandung des Binnenwassers machte eine Fähre bald überflüssig. Eine Brücke schuf eine Verbindung zwischen Wittlaer und dem Werth.

 

Schüsse auf Dampfschiffe

 

Zu Beginn des vorigen Jahrhunderts deutete sich auf dem Rhein eine technische Revolution an: 1816 fuhr das erste Dampfschiff von Rotterdam rheinaufwärts bis Köln. Die Kölnische Zeitung berichtete damals: „Ein ziemlich großes Schiff, ohne Mast, Segel und Ruder, kam mit ungemeiner Schnelligkeit den Rhein heraufgefahren. Die Ufer des Rheines, die hier vor Anker liegenden Schiffe waren in einem Augenblick von der herbeiströmenden Volksmenge bedeckt." Und weiter: „jedermann wollte den inneren Bau dieses Wunderschiffes und die Kräfte erforschen, welche dasselbe in Bewegung setzen." Ein Jahr später folgte der Dampfer „Caledonia", der bereits bis Koblenz fuhr. 1824 fand eine Erprobungsfahrt mit dem Dampfschiff „Seeländer" statt. Ein Augenzeuge berichtete: „Unsere Fahrt glich einem Triumphzug. Es war ein wahrer Freudenzug. Überall kamen die Einwohner, jung und alt, an das Ufer und staunten das wunderbar einherrauschende Mühlenschiff an, welches bei einer der größten Überschwemmungen, wo kein Schiff mit Pferden gezogen werden kann, seinen Weg durch die mächtigen Wasserwogen ruhig fortsetzte. Alte Weiber schlugen die Hände über dem Kopf zusammen, andere legten sie wie zum Gebet ineinander, Kinder jauchzten, Männer schwenkten die Mützen und Hüte, und oft brach die ganze Volksmasse in ein lautes Hurra aus, welches von der Schiffsgesellschaft erwidert wurde."

Die euphorische Stimmung beim Anblick der „schwimmenden Mühlen" wurde nicht von den Treidelschiffern geteilt. Sie fühlten sich in ihrer Existenz bedroht. Denn es war nur eine Frage der Zeit, wann die Dampfschiffe auch den Gütertransport übernahmen. So wurden zahlreiche Versuche unternommen, das drohende Unheil abzuwenden. Mit Hilfe der bereits erwähnten Pferderelaisstationen konnte die Treidelschiffahrt wesentlich beschleunigt werden. Transporte von Rotterdam bis Köln konnten nun in 5 bis 6 Tagen, statt der bisher üblichen 14 Tage, durchgeführt werden. Einige Gutachten und Eingaben sollten die Dampfschiffahrt auf dem Rhein für untauglich erklären. Unfälle von Dampfschiffen wie Maschinenbruch, Kesselschäden oder Auffahren auf Hindernisse unter Wasser wurden immens aufgebauscht. Insgesamt zeigten die Treidelschiffer keinerlei Neigung, sich mit der neuen Erfindung anzufreunden.

Die Zahl der Dampfschiffe stieg ziemlich schnell. 1843 wurden an der Hammer Fähre 239 Dampfer gezählt, 1847 waren es bereits 2556. Im gleichen Zeitraum ging die Zahl der gezählten Treidelpferde von 14 384 auf 9 372 zurück. Der Konkurrenzdruck wurde für die Treidelschiffer immer größer. In dieser Situation hatten die Regierungen eine nicht leichte Aufgabe zu erfüllen. Sie mußten einerseits ein soziales Elend der Halfterer und Schiffer verhindern, andererseits konnten und wollten sie eine erfolgversprechende technische Entwicklung nicht aufhalten.

Im Revolutionsjahr 1848 nutzten die Treidelschiffer die allgemeine Unruhe auf ihre Weise: An verschiedenen Rheinorten kam es zu Aufständen gegen die Dampfschiffe. Ein Augenzeuge berichtete aus der Nähe von Neuwied: „Auf dem Weg rheinaufwärts sah er zu Irlich     einen Schleppdampfer mit Anhang kommen und zwar „Matthias Stinnes 1“.

Nach kur­zer Wanderung hörte er mehrere Schüsse fallen und sah, wie viele Leute aus den Häusern kamen und voller Hast aus Straßen und Gassen dem Rhein zueilten... Die Bauern oder Pferdetreiber vom gegenüberliegenden Dorf Weißenturm spürten, daß ihre ganze Exi­stenz durch diese Schleppkonkurrenz bald zusammenfallen würde. Deshalb wollten sie jetzt als Selbsthilfe noch ein letztes Mittel erproben. Sie hatten nämlich am unteren Teil auf dem Neuwieder Werth verschiedene Katzenköpfe und Böller aufgestellt und waren nun dabei, gar gewaltig zu schießen, als der Schleppdampfer unten am Schloßgarten ankam.

Wenn ich nicht irre, gab es auch Gewehrschüsse. Die Schlepperbesatzung war aber offensichtlich vorgewarnt worden. „Denn der Ruderstuhl des Dampfers war ganz dicht mit alten eisernen Platten und Wielplanken bis weit über Manneshöhe verbarrikadiert worden und zugemacht, nur nach vorne war eine Öffnung zum Ausblick für den Steuermann frei­ gelassen. Als nun das Boot immer näher an den gefährlichen Schießstand herankam, wurde das Knallen erst recht ohrenbetäubend. Man sah und hörte nichts mehr wie Knall und Pulverrauch, und trotzdem fuhr der ganze Schleppzug ruhig vorbei und die Halfterer hatten das Nachsehen." Am folgenden Tag rückten Soldaten in Weißenturm ein und machten überall dort Quartier, „wo ein Pferdestall vorhanden war".

In der Bürgermeisterei Kaiserswerth schien alles ruhig zu sein. Bürgermeister Rottlaender hatte gerade seinen Bericht an die Regierung fertiggestellt, „daß in meinem Amtsbereiche bisher keine Exzesse gegen Personen oder Eigentum vorgekommen sind". Da wurde ihm ein "Polizei-Rapport" auf den Tisch gelegt: „Die Angriffe auf die Schlepp-Dampfschiffe haben sich auch in hiesiger Gegend kundgegeben. Gestern (19. April 1848) gegen Mittag nämlich passierte ein Schlepp-Dampfschiff der Düsseldorfer Gesellschaft bei Kaiserswerth vorbei, als dort plötzlich 7 Gewehrschüsse nach demselben gerichtet abgefeuert wurden. Zwei Kugeln drangen in das angehängte Segelschiff ..., während eine andere über den Kopf eines auf diesem Schiff befindlichen Knechtes flog, der sich in dem Augenblicke, als er Gefahr für sich ahnte, niedergebückt hatte. Überhaupt wurden 4 Schuß auf dieses Schiff abgefeuert, dasselbe hatte Salz geladen." Der Bürgermeister ergänzte diesen Bericht damit, daß„die Täter verhaftet sind. Dieselben sollen übrigens durch einen durchgereisten oberländischen Flößer zur Tat gereizt worden sein". Die Täter saßen mehrere Monate im Gefängnis, als sie im September von der Anklage freigesprochen wurden. Als einziger Schaden war eine unbedeutende Schramme am Dampfschiff festgestellt worden.

Nachdem sich die Dampfschiffahrt endgültig durchgesetzt hatte, mußte eine Aufgabe begonnen werden, die viele Jahrzehnte in Anspruch nahm: die Regulierung des Rheins. Die zahlreichen Untiefen und Sandbänke waren für die immer größer werdenden Dampfschiffe Hindernis und Gefahr. In Höhe der Schwarzbachmündung mitten im Rhein lag der „Wittlaer Grund", eine riesige Sand‑ und Kiesbank, die den Strom in zwei Arme teilte. Im Jahre 1880 wurde mit der Beseitigung des Wittlaerer Grunds begonnen.

 

Sieg der Spaziergänger

 

Die 80er Jahre brachten das Ende der Treidelschiffahrt. Damit verloren auch die Treidelstationen ihre Funktion. Auf den Leinpfaden traf man in zunehmendem Maße „Spaziergänger, Ausflügler und Passagiere von Dampfbooten". Gegen diese Entwicklung wehrte sich der damalige Eigentümer des Wittlaer Werths, Friedhelm Haniel. Er ließ an allen Zugängen zum Werth Verbotsschilder aufstellen. Durch diese Maßnahme kam es zu einem Konflikt mit der Wegepolizeibehörde. Sie forderte Haniel im April 1910 auf, innerhalb von 14 Tagen die Schilder wieder zu entfernen. Der Leinpfad sei schließlich immer öffentlicher Weg gewesen.

Haniel legte Widerspruch ein. Angeblich sei damals festgelegt worden, „die über dem Schwarzbach befindfiche Fähre nur zum Übersetzen der Schiffspferde und deren Führer benutzen zu lassen und keinem anderen Passanten die Passage zu gestatten. Die Konsequenz hiervon dürfte sein, daß auch der Leinpfad von keinem anderen Passanten benutzt werden darf." Beide Parteien ließen Zeugen aussagen. Für die Wegepolizeibehörde sagte am 14. Juli 1911 der Wirt Josef Brand aus: „Ich bin am 25.1.1845 zu Bockum geboren und seit 1875 Besitzer der Wirtschaft „Zum Eulenspiegel", die ich heute noch führe. Das Schiff legt täglich von Mitte April bis 1. Oktober jeden Jahres mehrfach hier an und bringt große Mengen Publikum, das dann vielfach den Weg am Rhein entlang nach Kaiserswerth benutzt, den alten Leinpfad. Auch umgekehrt wird der Weg sehr viel von den per Schiff in Kaiserswerth ankommenden Personen benutzt. Mein Gedächtnis reicht bis in die früheste Kindheit zurück. Niemals habe ich auch nur ein Wort oder einen Umstand wahrgenommen, der darauf hätte schließen lassen, daß der hier in Rede stehende streitige Weg Privatbesitz sei. Vielmehr ist derselbe seit Menschengedenken - und dies haben meine ältesten Bekannten bezeugen können - stets ungestört und uneingeschränkt von jedermann benutzt worden als öffentlicher Weg..." Auch der 86jährige Ackerer und Metzger Adolf Ricken aus Bockum, „vollständig geistesfrisch und im Besitze eines guten Erinnerungsvermögens", konnte bestätigen, "daß der streitige Weg ein öffentlicher stets gewesen ist". Der Streit dauerte noch längere Zeit, ist aber dann zugunsten der Spaziergänger, Ausflügler und Erholungssuchenden entschieden worden.

Viele Jahrzehnte sind mittlerweile ins Land gezogen. Wieder einmal rückt die Treidelschiffahrt in das Bewußtsein der Öffentlichkeit. Es geht um die Erhaltung des Hauses Werth, einer der letzten ehemaligen Treidelstationen am Niederrhein. Eine Restaurierung von Seiten der Stadtwerke Duisburg ist inzwischen glücklicherweise zugesichert worden. Ein weiterer Zeuge aus der Zeit der Treidelschiffahrt steht etwas weiter auf Wittlaer zu: Eine Vierecksäule. Auf ihr sind unter anderem Entfernungen bis Basel, Rotterdam und der Landesgrenze angegeben. Dieser Stein soll demnächst vom Landeskonservator restauriert werden.

Treidelschiffahrt wurde auch auf anderen Flüssen und Strömen praktiziert, nicht selten sogar wesentlich länger als auf dem Rhein. Auf der Wolga wurden die Schiffe noch bis etwa zu Beginn des Ersten Weltkrieges getreidelt, in China auf dem Jangtse bis in die 50er Jahre, und im Nil-Delta soll das Treideln sogar heute noch üblich sein.

 

Bruno Bauer